Zürich 1953: Hauptsache, nicht Reshevsky
Neun der 15 Teilnehmer des Kandidatenturniers 1953 kamen aus der Sowjetunion. Wer von ihnen gewinnt, soll den Funktionären aber nachrangig gewesen sein, so erzählt es der Smyslov-Biograf Andrey Terekhov. Wichtiger sei gewesen, dass der Amerikaner Samuel Reshevsky leer ausgeht. Bewiesen ist das nicht.
Zürich 1953 gehört zu den berühmtesten Turnieren der Schachgeschichte. Vom 29. August bis zum 24. Oktober spielten 15 Teilnehmer ein doppelrundiges Turnier, der Sieger durfte 1954 gegen Mikhail Botvinnik um die Weltmeisterschaft antreten. Neun Spieler kamen aus der Sowjetunion, dazu Miguel Najdorf (Argentinien), László Szabó (Ungarn), Svetozar Gligorić (Jugoslawien), Max Euwe (Niederlande), Gideon Ståhlberg (Schweden) und Samuel Reshevsky (USA). Bronstein und Najdorf schrieben später Bücher über das Turnier.
Ein Amerikaner gegen neun Sowjets
Vasily Smyslov gewann mit 18 Punkten. Dahinter lagen Bronstein, Paul Keres und Reshevsky mit je 16 Punkten, Reshevsky also zwei Punkte hinter dem Sieger. Dass es dabei nicht mit rechten Dingen zuging, wird seit Jahrzehnten behauptet, und Andrey Terekhov hat die Geschichte jetzt erneut erzählt. Der FM schreibt eine Biografie über Smyslov. In der Folge 506 des Perpetual Chess Podcast vom 3. November sprach er mit Ben Johnson über Zürich.
Terekhov zufolge ging es den sowjetischen Funktionären nicht darum, welcher Sowjetspieler das Turnier gewinnt, sondern allein darum, dass kein Amerikaner gewinnt. Als Smyslov gegen Alexander Kotov verlor und Reshevsky wieder in Reichweite kam, habe der Funktionär Dmitry Postnikov gezielt eingegriffen. Bronstein sollte mit Weiß gegen Smyslov Remis machen, Efim Geller gegen Bronstein verlieren, Keres gegen Smyslov Remis spielen.
Beweise gibt es keine
Belegt ist davon nach Terekhov bis heute nichts. Es gibt nur die widersprüchlichen Erinnerungen der Beteiligten, allen voran Bronsteins eigene. Terekhov hat dafür die Ausgaben von Bronsteins Turnierbuch miteinander verglichen und hält Bronsteins Version der Ereignisse für eine, die über die Jahre immer wieder umgeschrieben wurde.
Bronstein selbst schilderte die Sache später in seinem Buch „Secret Notes“ (2007, zusammen mit Sergey Voronkov). Danach begleiteten drei Männer die Delegation: Postnikov, ein KGB-Mann namens Moshintsev und der Großmeister Igor Bondarevsky. Sie hätten den Spielern eingeschärft, dass Reshevsky auf keinen Fall vorn liegen dürfe. Keres sei in Runde 24 zu einem schnellen Remis mit Weiß gegen Smyslov gedrängt worden. Geller habe man eingeredet, Bronstein verlange von ihm einen Punkt. Er selbst sei aufgefordert worden, vor seiner Partie gegen Smyslov dessen Zimmer aufzusuchen und ein Remis zu vereinbaren.
Smyslov widersprach. In der Zeitschrift „64“ schrieb er, Bronstein wolle die Geschichte umschreiben. Bronstein selbst habe das Remis gewollt, um den zweiten Platz zu sichern und sich damit für das Kandidatenturnier 1956 zu qualifizieren.
Die Kreuztabelle sagt dazu wenig. Smyslov gewann beide Partien gegen Keres, gegen Reshevsky gewann er eine und remisierte die andere, und seine beiden Partien gegen Bronstein endeten remis.
