Joachim Brüggemann wird 75, und der Angstgegner gratuliert
Seit 59 Jahren sitzen sich Joachim Brüggemann und Rainer Knaak am Brett gegenüber, zuletzt in Dresden, als es um den deutschen Seniorentitel ging. Zum 75. Geburtstag des Erfurters lässt der Schachbund ausgerechnet den Großmeister gratulieren, der als sein Angstgegner gilt. Die erste Partie der beiden hat allerdings Brüggemann gewonnen.
Als der Anruf vom Schachbund kommt, muss Rainer Knaak erst einmal schmunzeln. Er soll der Angstgegner von Joachim Brüggemann sein, so sollen es jedenfalls die Zahlen hergeben. Der 73-jährige Großmeister hatte das anders in Erinnerung. Er hätte vermutet, dass die Bilanz recht ausgeglichen ist, sagt er der Öffentlichkeitsarbeit des DSB, und er habe mit Brüggemann sehr oft große Schwierigkeiten gehabt. Wenn der Angstgegner selbst von Schwierigkeiten spricht, ist das zum 75. Geburtstag schon ein ordentliches Geschenk.
Er war und ist immer noch taktisch sehr gewitzt. Wenn man ihn spielen sieht, ist das schon beeindruckend. Aber auch wie er spricht und sich bewegt – man sieht nicht, dass er schon 75 wird. Herzlichen Glückwunsch!Rainer Knaak, Großmeister
Mit 15 den späteren Großmeister ausgespielt
Zehn Partien zwischen den beiden sind belegt. Die erste belegte stammt vom 25. August 1967, gespielt in der 12. Runde der DDR-Jugendmeisterschaft in Glauchau. Brüggemann war 15 Jahre alt, Knaak 14. Diese Partie gewann der Erfurter, die nächste ein Jahr später in Neukieritzsch auch. Erst in den Endrunden der DDR-Meisterschaft behielt Knaak, der fünfmal DDR-Meister wurde, die Oberhand.
Die Partie von 1967 ist erhalten, und das Nachspielen lohnt sich. Brüggemann begann mit 1.c4, per Zugumstellung entstand ein abgelehntes Damengambit. Im 25. Zug gewann Weiß den Bauern auf d5. Der entscheidende Moment kam im 36. Zug mit 36.Tg6. Der Turm greift die Dame auf f6 an und dahinter den Turm auf b6. Nehmen darf Schwarz ihn nicht, denn nach 36...fxg6 37.hxg6+ deckt die weiße Dame von c8 aus das Feld h8, und Schwarz müsste die Dame geben. Knaak fand mit 36...Tc6 noch den Gegenangriff auf die weiße Dame. Nach 37.Txf6 Txc8 38.Txf7 hat Weiß im Turmendspiel aber zwei Bauern mehr und steht auf Gewinn. Fünf Züge später gab Schwarz auf.
Meistertitel mit Leipzig und zweimal mit Erfurt
Geboren wurde Brüggemann am 3. Oktober 1951 in Erfurt. 1972 gewann er mit der SG Leipzig die DDR-Mannschaftsmeisterschaft, kurz darauf ging er zur Erfurter Spielgemeinschaft EVB/Motor West, die wenig später in die Oberliga aufstieg. Bei der DDR-Einzelmeisterschaft 1978 in Eggesin wurde er Dritter hinter Lutz Espig und, natürlich, Rainer Knaak. Mit Erfurt holte er den Mannschaftstitel noch zweimal, 1988 mit der BSG Mikroelektronik und 1991 mit dem SV Erfurt-West 90. Im Juli 2003 stand seine Elo-Zahl bei 2431, heute sind es 2260. Internationaler Meister ist er seit 2007. Knaak sagt, vom Leistungsvermögen her sei Brüggemann auch als IM auf Großmeister-Niveau gewesen.
Neben dem Brett hat er mindestens so viel bewegt. Nach der Wiedergründung des Thüringer Schachbundes 1990 stand er an dessen Spitze, bis ihm am 23. April 2005 Diana Skibbe folgte. 1992 handelte er mit dem Landessportbund eine Vollzeitstelle für einen Landestrainer aus. Angetreten hat sie Bernd Vökler, der heutige Bundesnachwuchstrainer. Die beiden saßen sich am 11. Januar 1981 in einem Pokalkampf zum ersten Mal am Brett gegenüber und wurden 1988 gemeinsam DDR-Meister. Heute ist Brüggemann Präsident des Erfurter Schachklubs und Vökler sein Schatzmeister. Müsste Vökler ihn mit einem Wort beschreiben, wäre es „diszipliniert“. Das passt zum Beruf, denn der Ingenieur war 28 Jahre im Landesverwaltungsamt für Emissionen, Zulassungen und Müllverbrennung zuständig.
In Dresden fehlte ein Sieg zum Titel
Ruhiger geworden ist er nicht. 2026 wurde er zum dritten Mal in Folge Thüringer Seniorenmeister der Altersklasse 65+. Bei der Deutschen Seniorenmeisterschaft in Dresden kam es in der neunten und letzten Runde zum alten Duell, Knaak mit Weiß, Brüggemann mit Schwarz. Mit einem Sieg wäre Brüggemann Deutscher Meister geworden. Die Partie endete schnell remis. Knaak glaubt, sein Gegner habe sich nicht so chancenreich gesehen. Brüggemann blieb Platz zwei hinter Knaak und dazu der Titel des Deutschen Nestorenmeisters.
Er hat alle Partien schneller beendet als ich. Und oft gab es die Stellung lange gar nicht unbedingt her - und er hat trotzdem noch gewonnen. Das spricht für sein Fachwissen.Rainer Knaak über die Seniorenmeisterschaft in Dresden
Gefeiert wird im Erfurter Schachklub.
