Kein Tattoo für Keymer: locker im Interview, zäh am ersten Brett
Eben noch um Olympiamedaillen gespielt, kurz darauf schon wieder vor der Kamera: Vincent Keymer beantwortet Spaßfragen so entspannt, als lägen zwei Wochen Urlaub hinter ihm. Dabei war sein Turnier harte Arbeit. Zehn Partien am ersten Brett, zwei Siege, sieben Remis, eine Niederlage, und in der Oktoberliste steht er als Achter der Welt.
Die letzte Runde ist gespielt, Bronze ist sicher, und Vincent Keymer hätte jedes Recht, einfach seine Ruhe haben zu wollen. Stattdessen setzt er sich zu Arne Kähler von ChessBase, der ein paar nicht ganz ernst gemeinte Fragen mitgebracht hat. Keymer beantwortet sie souverän, locker und witzig und verrät dabei nebenbei einiges über seine Vorlieben und Abneigungen, am Brett und abseits davon. Eine Auskunft hat es bis in die Überschrift geschafft: Ein Tattoo wird es bei ihm nicht geben. Das Gespräch gibt es als Video.
Acht Gegner über 2700 hintereinander
Wie viel Arbeit vor diesem lockeren Auftritt lag, zeigen seine Partien. In der ersten Runde gegen die Färöer setzte Keymer aus, danach saß er zehnmal am ersten Brett, sechsmal mit Weiß und viermal mit Schwarz. Zum Auftakt gewann er gegen Saidakbar Saydaliev und Jakhongir Vakhidov aus der dritten und der zweiten Mannschaft der Gastgeber. Ab Runde 4 hießen die Gegner dann der Reihe nach Duda, Caruana, Ding Liren, Erdogmus, Abdusattorov, Praggnanandhaa, Vachier-Lagrave und Giri. Alle acht standen im Turnier mit einer Elo-Zahl über 2700 am Brett, im Schnitt mit 2747.
Sieben dieser acht Partien endeten remis. Verloren hat Keymer nur eine, mit Schwarz gegen Ding Liren in Runde 6, als Deutschland gegen China mit 1:3 unterlag. Unter dem Strich stehen 5,5 Punkte aus zehn Partien.
Entweder er gewinnt, oder der Gegner rettet sich
Sieben Remis klingen nach ruhigen Nachmittagen, und das waren sie nicht. Gegen Yagiz Kaan Erdogmus spielte Keymer mit Weiß 104 Züge, gegen Maxime Vachier-Lagrave 82 und gegen Jan-Krzysztof Duda 69. Bundestrainer Jan Gustafsson beschreibt das so: Bei Keymer sei fast immer die Frage gewesen, ob er gewinnt oder ob sich der Gegner rettet, egal wer gegenüber saß. Diese Sicherheit gebe der ganzen Mannschaft Stabilität. Keymer selbst formuliert es weniger freundlich. Er habe Gewinnstellungen nicht verwertet, sagt er, das habe dann Frederik Svane für ihn erledigt.
In der Weltrangliste hat ihn das wenig gekostet und trotzdem zwei Plätze. Keymer verlor drei Elo-Punkte und steht im Oktober mit 2761 auf Rang acht. Vorbeigezogen sind Nodirbek Abdusattorov, der 18 Punkte gewann, und Praggnanandhaa. Bester Deutscher bleibt er mit großem Abstand, der nächste ist Matthias Blübaum auf Platz 46.
Der Jüngste gibt die Ratschläge
Im Team ist Keymer mit 21 Jahren das Nesthäkchen, worauf er gern hinweist. Es nützt ihm nichts. Wenn die Mitspieler über ihre Nummer eins reden, ist vom weisen alten Mann die Rede. Frederik Svane schätzt an ihm die Verlässlichkeit und die Ratschläge fürs Leben. Alexander Donchenko sagt, schon ein Blick von Keymer auf die anderen Bretter sei wertvoll. Gustafsson nennt ihn einen großartigen Anführer und, weil es in dieser Mannschaft ohne Frotzelei nicht geht, außerdem einen Snob.
Die Medaille nennt Keymer einen riesigen Erfolg. Es ist seine erste bei einer Olympiade und Deutschlands erste Mannschaftsmedaille seit Silber in Istanbul 2000. Sonst spielt er vor allem Superturniere, und diese Wochen im Team hat er hörbar genossen. Dazu passt eine alte Rechnung: Bei der Europameisterschaft 2023 hatte nur die Feinwertung der Mannschaft Gold genommen, und das habe geschmerzt.
