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Remis statt geschenktem Punkt: Fairplay-Preis der FIDE

Die FIDE vergibt ihre Fairplay-Trophäe 2026 gleich zweimal. Der Pole Sebastian Poltorak bot beim Europäischen Vereinspokal 2025 remis an, als sein Gegner krank den Saal verlassen musste. Großmeister Tin Jingyao aus Singapur verzichtete in Kasachstan auf einen kampflosen Sieg. Beide haben einen Punkt liegen lassen, der ihnen nach den Regeln zustand.

29. September 20262 Minuten LesezeitAusgabe 1

Rhodos, Oktober 2025, dritte Runde des Europäischen Vereinspokals. Am Brett sitzen der 20-jährige Pole Sebastian Poltorak, der für die Schachfreunde Berlin 1903 spielt, und der serbische Großmeister Aleksandar Indjic von der Mannschaft Alkaloid. Im 16. Zug geht es Indjic plötzlich schlecht. Er muss den Saal verlassen, ein Krankenwagen wird gerufen. Poltorak hätte jetzt den Sieg für sich beanspruchen können, und das gegen einen höher eingestuften Großmeister. Der Punkt stand ihm nach den Regeln zu.

Er bot stattdessen remis an. Das war gar nicht so einfach, denn im Turnier galt die Regel, dass vor dem 30. Zug kein Remis vereinbart werden darf. Hauptschiedsrichter Ashot Vardapetyan sprach mit beiden Mannschaftsführern und erklärte die Partie dann offiziell für remis. Indjic fehlte am Ende nichts Ernstes. Alkaloid gewann den Kampf 4:2, und Poltorak stand nach drei Runden bei einem Punkt aus drei Partien. Die Europäische Schachunion gab ihm bei der Siegerehrung ihren Fairplay-Preis.

Wir spielen Schach, mir macht das Spaß, aber in solchen Situationen sind wir einfach Menschen.Sebastian Poltorak · übersetzt nach World Chess

Stau in Kasachstan

Der zweite Fall ist weniger dramatisch und im Kern derselbe. Beim Almaty Region Open 2025, dem Qonayev Cup, kam der Gegner von Tin Jingyao in Runde sechs zu spät ans Brett. Schuld war dichter Verkehr, und die Karenzzeit war schon abgelaufen. Tin hätte den Sieg kampflos einfordern können. Er ließ die Partie spielen. Wer der Gegner war und wie die Partie ausging, teilt die FIDE nicht mit. Tin ist Jahrgang 2000, seit 2022 Großmeister und fünfmaliger Meister von Singapur.

Die Kommission der FIDE nennt beide Fälle außergewöhnliche Beispiele, bei denen der Respekt vor dem Gegner mehr zählte als das Ergebnis. Die Trophäe sollte während der Olympiade in Samarkand überreicht werden.

Gegen Figuren, nicht gegen Menschen

Benannt ist der Preis nach Svetozar Gligorić. Der Belgrader, 1923 geboren und 2012 gestorben, war rund drei Jahrzehnte lang der beste Spieler Jugoslawiens und gehörte in den 1950er und 1960er Jahren zur Weltspitze. Elfmal wurde er Landesmeister, fünfzehnmal spielte er bei Olympiaden, 1958 in München holte er Gold am ersten Brett. Am Brett galt er als kompromissloser Kämpfer und daneben als Gentleman. Sein Grundsatz steht auf dem Titel seiner Partiensammlung: Ich spiele gegen Figuren.

Die FIDE hat den Preis 2019 eingeführt. Erster Preisträger war Magnus Carlsen. Er hatte 2020 in einem Online-Halbfinale gegen Ding Liren gewonnen, weil dem Chinesen die Verbindung abriss. In der nächsten Partie stellte Carlsen die Dame ein und gab nach vier Zügen auf, um den Gleichstand wiederherzustellen. Danach ging die Trophäe an den Slowaken Jerguš Pecháč, der Boris Gelfand nach einem Mausrutscher remis anbot. 2022 bekam sie der 15-jährige Jamaikaner Jaden Shaw. Sein Fall bei der Olympiade in Chennai gleicht dem von Poltorak auffällig. Auch dort wurde der Gegner krank, und auch Shaw nahm das Remis statt des Punktes.

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