Feierabend nach 16 Zügen: Kurzpartien aus Samarkand
Als Kurzpartie zählt hier, was nach spätestens 20 Zügen vorbei ist. Strategisch tief ist das selten, unterhaltsam fast immer. Johannes Fischer hat eine kleine Auswahl aus Samarkand zusammengestellt, und ihr Hauptdarsteller ist der italienische Großmeister Francesco Sonis, dem das Kunststück gleich zweimal gelang.
Am siebten Spieltag saß Francesco Sonis dem Bolivianer Osvaldo Zambrana gegenüber und schob seinen g-Bauern im siebten Zug nach g4 und im achten gleich weiter nach g5. Schwarz hatte gerade kurz rochiert, Weiß rochierte wenig später lang, und von da an ging es nur noch um die Frage, wer zuerst beim gegnerischen König ankommt. Eingeordnet ist die Partie als Katalanisch, das hier unerwartet schnell taktisch wurde. Mit einem ruhigen Fianchetto hatte sie jedenfalls nichts mehr zu tun.
Ein gefesselter Springer kostet die Partie
Zambrana griff im 15. Zug daneben, als er auf c3 schlug. Nach 16.bxc3 Sbd5 folgte 17.Txd5. Der Turm nimmt den Springer, und der zweite Springer auf f6 darf nicht zurückschlagen, weil er vom Läufer g5 an die Dame gefesselt ist. Schwarz versuchte noch 17...Da5, aber nach 18.Lxf6 a6 19.Tg1 steht Weiß auf Gewinn, und Zambrana gab auf. Der Bolivianer ist kein Neuling. Er spielte seine erste Olympiade 1998 und holte 2000 in Istanbul mit 7 aus 9 Silber am dritten Brett.
Einen Tag später traf Sonis auf den Isländer Hannes Stefansson, und der wählte denselben Aufbau mit dem frühen Randbauernzug nach h6 und dem Läufer auf d6. Diesmal dauerte es 16 Züge. Stefansson nahm im 14. Zug mit dem c-Bauern auf b6 zurück und öffnete damit die c-Linie für die weiße Dame. Es folgte 15.Sxg5 Dxg5 16.Se4. Der Springer greift die Dame an, und dahinter hängt der Springer auf c6 mit Schach. Schlägt Schwarz den Angreifer, wäre nach dem Damenschach auf c6 auch noch der Turm auf a8 angegriffen. Stefansson gab sofort auf. Er war 1987 Weltmeister der unter 16-Jährigen, wurde 13-mal isländischer Meister und hatte vor Samarkand schon 15 Olympiaden gespielt.
Sonis selbst ist Jahrgang 2002, seit 2021 Großmeister und war 2024 italienischer Meister. In Samarkand holte er 7,5 Punkte aus zehn Partien.
38 Jahre Olympiade und immer noch wild
Der zweite Held der Auswahl ist Fred Berend aus Luxemburg, Jahrgang 1965. Er spielte 1988 in Thessaloniki seine erste Olympiade und saß 38 Jahre später immer noch am Brett. Auch ihm „gelangen“ zwei Kurzpartien, und die Anführungszeichen stehen da nicht ohne Grund. In Runde 3 gewann er mit Schwarz in 18 Zügen gegen Abdulrahman Al Ibrahim aus Kuwait. In Runde 8 griff er gegen den 19-jährigen Tadschiken Jaloliddin Ilkhomi sehr früh und sehr wild an, wurde ausgekontert und verlor in 20 Zügen.
Unter den 30 Kurzsiegen zwischen Spielern ab Elo 2200 stammt die hübscheste Falle aus Runde 1. Der Ukrainer Igor Kovalenko zog gegen Roy Mwadzura aus Simbabwe im 15. Zug seinen Springer nach b1 zurück, und die schwarze Dame auf a3 hatte kein Feld mehr.
