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Buenos Aires 1939: Gold mit einem halben Punkt, und keiner fuhr heim

Die Bronzemedaille von Samarkand ist die erste deutsche Mannschaftsmedaille seit Silber in Istanbul 2000. Gold gab es nur ein einziges Mal, 1939 in Buenos Aires, einen halben Punkt vor Polen. Conrad Schormann hat in einem Rückblick aufgeschrieben, unter welchen Umständen dieser Sieg zustande kam und warum keiner der fünf Sieger nach Deutschland zurückkehrte.

28. September 20263 Minuten LesezeitAusgabe 1

Am Abend des 18. September 1939 ist das Teatro Politeama in Buenos Aires gut gefüllt. Politiker und Diplomaten sind zur Siegerehrung gekommen, dazu das Publikum, das die Schacholympiade seit Wochen verfolgt. Als Deutschland als Sieger aufgerufen wird, klatschen nur die wenigen Deutschen im Saal. Dann folgt der Zweite, Polen, und es bricht Jubel aus. Der Buenos Aires Herald notierte am nächsten Tag Kühle gegenüber den Deutschen und Beifall für die Polen. Kapitän Albert Becker nahm den Hamilton-Russell-Pokal entgegen, während in Europa die Wehrmacht das Land der Zweitplatzierten überrannte.

Am ersten Finaltag beginnt der Krieg

Buenos Aires war die achte Schacholympiade und die erste außerhalb Europas. 27 Mannschaften spielten in vier Vorgruppen, die besten kamen ins A-Finale. Die USA, Sieger der vier Olympiaden davor, fehlten ebenso wie Ungarn und Jugoslawien. Dafür saßen Weltmeister Alexander Aljechin für Frankreich, José Raúl Capablanca für Kuba und Paul Keres für Estland am Brett, für Polen spielten Savielly Tartakower und Mieczysław Najdorf. Fast alle Europäer waren gemeinsam auf dem Passagierschiff Piriápolis angereist. Diese Überfahrt diente Stefan Zweig als Vorbild für die Schiffsreise in der Schachnovelle.

Das A-Finale begann am 1. September, dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen. England zog seine Mannschaft zurück. Drei der Heimkehrer, Hugh Alexander, Harry Golombek und Stuart Milner-Barry, arbeiteten später in Bletchley Park an der Entschlüsselung deutscher Nachrichten. Die anderen blieben, aber an einen normalen Ablauf war nicht mehr zu denken. Sechs Begegnungen wurden nicht gespielt und mit 2:2 gewertet, darunter Deutschland gegen Polen, gegen Frankreich und gegen Palästina, dessen jüdische Spieler nicht gegen die Deutschen antreten wollten. Einer von ihnen, der 1909 in Breslau geborene Heinz Foerder, hatte 1928 noch für Deutschland gespielt und war 1934 emigriert.

Vier Remis reichen zum Pokal

Die Mannschaft trat als Großdeutschland an. Erich Eliskases am ersten und Becker am vierten Brett waren Österreicher, die seit dem Anschluss von 1938 für die deutsche Auswahl spielten. Im A-Finale verlor sie keinen Kampf. Ein 3:1 gegen Schweden in der vorletzten Runde brachte 34 Brettpunkte gegenüber 32 der Polen, und damals zählten die Brettpunkte. In der Schlussrunde endeten gegen die Niederlande alle vier Partien remis. Polen schlug Dänemark 3,5:0,5 und kam auf 35,5, Deutschland hatte 36. Der beste Deutsche war Ludwig Engels am dritten Brett mit 14 Punkten aus 16 Partien über Vor- und Endrunde.

War das sportlich verdient? Roberto Grau, Mitorganisator und Spitzenbrett der Argentinier, schrieb gleich nach dem Turnier in La Nación, die drei kampflosen Unentschieden könnten Deutschland Punkte gekostet haben, die freien Tage seien aber auch viel wert gewesen. Der Mannschaft bescheinigte er eine „außergewöhnliche Solidität“. Den Polen traute er zu, dass sie den deutschen Sieg ohne die Sorge um ihre Heimat ernsthaft gefährdet hätten. Teodor Regedziński etwa wusste Frau und Kinder in Łódź und bekam keine Nachricht mehr von ihnen.

Die Sieger bleiben in Südamerika

Mit dem Krieg war auch die Rückreise hinfällig. Die Deutschen fürchteten nach Beckers Darstellung, auf der Überfahrt von den Briten interniert zu werden. Gut zwei Wochen nach der Siegerehrung schrieb er aus Argentinien an Max Blümich, den Chefredakteur der Deutschen Schachzeitung. Der Brief nennt die Gegner Deutschlands „Deutschfeinde“ und endet mit „Heil Hitler!“. Seine eigene Lage beschrieb Becker darin als „nicht rosig“.

Wir können schwer heim!Albert Becker, Kapitän der deutschen Mannschaft, im Brief vom 5. Oktober 1939

Keiner der fünf Olympiasieger kehrte nach dem Turnier nach Deutschland zurück. Engels ließ sich in Brasilien nieder, Eliskases erst dort und später in Argentinien, wo auch Paul Michel, Becker und Heinrich Reinhardt blieben. Najdorf blieb ebenfalls. Fast seine ganze Familie wurde im Holocaust ermordet, und er wurde als Miguel Najdorf zweimal WM-Kandidat. Die Gebliebenen begründeten die Blüte des argentinischen Schachs in den Jahrzehnten nach dem Krieg.

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