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Timur Turlov: Der Broker, der jetzt die FIDE führt

Der Weltschachbund hat einen neuen Präsidenten. Timur Turlov, Gründer der Freedom Holding und Chef des kasachischen Verbands, gewann in Samarkand die Stichwahl mit 110 zu 85 Stimmen. In einem langen Interview erzählt er, woher er kommt, warum er Schach für unterbewertet hält und was er in vier Jahren schaffen will.

30. September 20263 Minuten LesezeitAusgabe 1

Mit etwa vierzehn eröffnete Timur Turlov sein erstes Depot. Das Startkapital waren rund 800 Dollar, die ihm sein Großvater hinterlassen hatte. Den größten Teil davon war er schnell wieder los. Abgeschreckt hat ihn das offenbar nicht. Mit sechzehn saß er als Praktikant bei einer amerikanischen Firma in Moskau, morgens Schule, danach Handel bis Mitternacht, solange New York geöffnet hatte. So erzählt es das American Chess Magazine, das Turlov Anfang August per Video befragt hat. Erschienen ist das lange Stück erst nach der Wahl.

Von Lobnya an die Nasdaq

Geboren wurde Turlov 1987 in Lobnya, einer Stadt bei Moskau in der Nähe des Flughafens Sheremetyevo. 2005 fing er bei der Brokersparte der Uniastrum Bank an. 2008 brach die Bank zusammen, und er stand mit 21 ohne Stelle da. Zusammen mit sechs Kollegen legte er die Abfindungen zusammen, rund 100.000 Dollar. Aus diesem Neuanfang wurde die Freedom Holding.

2011 zog er mit der Firma nach Kasachstan, auf Empfehlung eines Freundes. Dort stellte sich heraus, dass sein Vater in Shymkent geboren war. Seit über zehn Jahren lebt er mit seiner Frau und sechs Kindern in Almaty. Im Oktober 2019 ging Freedom an die Nasdaq. Seit Juni 2022 ist Turlov kasachischer Staatsbürger, die russische Staatsbürgerschaft hat er abgelegt. Für das Geschäftsjahr bis März 2026 meldet die Holding 2,19 Milliarden Dollar Umsatz. Ihre App, in der vom Konto bis zum Kinofilm so ziemlich alles steckt, hat nach diesen Angaben mehr als elf Millionen Kunden in über zwanzig Ländern.

Sechs Kinder, sechs Schachspieler

Turlov spielt selbst, und seine sechs Kinder spielen auch. Die Ergebnisse bei lokalen Turnieren seien ordentlich, sagt er, aber es sei nur ein Hobby. Dann schiebt er nach: fürs Erste. 2023 übernahm er den kasachischen Schachverband. Die Bilanz seitdem kann sich sehen lassen. 2025 holten kasachische Spieler 162 internationale Medaillen, 64 davon in Gold. In mehr als 1.500 Schulen läuft ein Schachprogramm für über 60.000 Kinder. Firmen aus seinem Umfeld haben mehr als 75 Millionen Dollar ins Schach gesteckt. Freedom war schon vor der Wahl Hauptsponsor der FIDE. Im April hat der Konzern außerdem ChessBase in Hamburg übernommen. Wer das Interview dort liest, liest also gewissermaßen im eigenen Haus.

Schach ist massiv unterbewertet. Viele Schachfans sind intellektuelle Menschen. Es sind Banker, Politiker, Wirtschaftsführer, verschiedene Künstler.Timur Turlov, FIDE-Präsident · übersetzt nach ChessBase

96 Stimmen, dann 110

Die Wahl selbst brauchte zwei Anläufe. Drei Kandidaten traten an, 196 Verbände stimmten ab. Im ersten Durchgang kam Turlov auf 96 Stimmen, die beiden deutschen Bewerber Wadim Rosenstein und Jan Henric Buettner auf 76 und 20. Zwei Stunden später gewann er die Stichwahl mit 110 zu 85. Er ist der achte Präsident der FIDE und mit 38 Jahren der zweitjüngste, der je gewählt wurde. Als Stellvertreter trat Viswanathan Anand mit ihm an. Die Amtszeit läuft bis 2030.

Versprochen hat Turlov einiges. Mehr als 8,5 Millionen Dollar sollen in die Entwicklung der FIDE fließen, die Mittel für die nationalen Verbände sollen sich verdoppeln. Dazu kommt eine einheitliche Plattform, auf der jeder Spieler ein einziges Profil hat. Im Interview geht er noch weiter und spricht von einer biometrischen Erkennung der Spieler, um Wertungszahlen im Netz zu schützen. Wie das genau aussehen soll, hat er offengelassen. Und er will Schach näher an Olympia bringen. Das Hindernis sieht er nicht bei der Zahl der Spieler. Schach sei für Leute, die es nicht spielen, einfach schwer anzuschauen. Abhilfe sollen Übertragungen mit KI und Animationen schaffen.

Der größte Traum, auf den wir alle hinarbeiten, ist es, dem olympischen Programm näherzukommen.Timur Turlov nach seiner Wahl, laut ChessBase

Ein politisches Amt reizt ihn nach eigener Aussage nicht. Als Geschäftsmann sei er nützlicher und freier in seinen Entscheidungen. Was ihn das Schach gelehrt hat, klingt nach Verbandsarbeit: Fehler passieren meistens in den Beziehungen zu anderen Menschen. Und wer müde oder krank ist, soll sich nicht mit seinen Leuten anlegen. Das dürfte auch am Brett kein schlechter Rat sein.

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