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„Aura klauen“: Die Olympiasieger plaudern aus dem Mannschaftsraum

Nach der Siegerehrung in Samarkand saßen Abdusattorov, Sindarov, Yakubboev, Vokhidov und Madaminov noch einmal zusammen, diesmal vor der Kamera von ChessBase India. Das Gespräch mit Sagar Shah zeigt eine Mannschaft, die sich gegenseitig auf den Arm nimmt, ihre Partien erstaunlich nüchtern bewertet und ihren Kapitän einen Helden nennt.

1. Oktober 20263 Minuten LesezeitAusgabe 1

Zwanzig Minuten vor dem Wettkampf gegen Armenien erzählte Nodirbek Abdusattorov seinen Kollegen, was er gleich auf 1.e4 antworten werde. Geglaubt hat es ihm zunächst keiner. Dann stand 1...d5 auf dem Brett, und ein Video von UzChess zeigt, wie die ganze Mannschaft zu seinem Brett hinübergrinst. Die Skandinavische Verteidigung kam in der vorletzten Runde gegen Haik Martirosyan aufs Brett, weil Abdusattorov in der Vorbereitung gesehen hatte, dass der Armenier dagegen so gut wie keine Praxis hat. Die Partie gewann er nach 64 Zügen im Endspiel. Das ganze Gespräch mit Sagar Shah gibt es als Video.

Er hat das in der letzten Runde in Budapest gespielt und eine schöne Partie gewonnen, also habe ich auch versucht, ihm seine Aura zu klauen.Nodirbek Abdusattorov über Arjun Erigaisi · übersetzt nach ChessBase

Ein Damenopfer für die Kameras

Das Wort „Aura“ fällt in diesem Gespräch öfter, zuerst bei Javokhir Sindarov. Shah spricht ihn auf sein Damenopfer gegen den Peruaner Diego Flores Quillas an. Sindarov winkt ab. Jede andere Fortsetzung hätte nach seiner Rechnung neun oder zehn Züge gedauert, und da habe er sich gedacht, dann spiele er das jetzt halt für die Videos. Schwer sei der Zug nicht gewesen.

Genauso trocken redet er über seinen Sieg gegen Robert Hovhannisyan in Runde 10. Mit 1.Sf3 und 2.b3 war er nach eigener Aussage bis etwa Zug 20 vorbereitet, und das Ergebnis der guten Vorbereitung sei schlicht Ausgleich gewesen. Dann habe der sonst so solide Gegner ihm erst einen Bauern gegeben und dann noch einen. In der Partie verschwinden tatsächlich nacheinander die Bauern auf e7 und a7. Nach 28...Dd5 steht Weiß auf Gewinn. 29.Df4 greift den Turm auf b8 an und nebenbei den Bauern auf h6, und nach 29...Txb3 30.Dg4+ Kf8 31.f6 sitzt der schwarze König fest, während der a-Bauer läuft. Im 35. Zug gab Hovhannisyan auf. Sindarov sagt dazu, manchmal brauche man eben Glück, um so ein Turnier zu gewinnen.

Sindarov – Hovhannisyan, Runde 10Weiß am Zug: 29.Df4

Weniger glatt lief es für ihn in der Schlussrunde gegen Vassily Ivanchuk. Er hatte die Variante vor dem Turnier angesehen, wusste den Ausgleichszug aber nicht mehr und grübelte vierzig Minuten. Gefunden hat er ihn nicht, sein eigener Zug war nach eigenem Urteil kein guter, und am Ende rettete er ein Remis. Shamsiddin Vokhidov hatte es da leichter. Sein Remis mit Schwarz gegen Gukesh beruhte auf einem Zug, den er ein, zwei Monate vorher gesehen und sich einfach gemerkt hatte.

Der Druck der ersten zwei Runden

Auf die Frage nach dem Druck im eigenen Land antwortet zuerst Mukhiddin Madaminov. Er sagt, die ersten beiden Runden seien für ihn sehr hart gewesen, danach sei das Selbstvertrauen gekommen. Nach dem Sieg gegen Indien habe die Mannschaft wirklich geglaubt, dass sie gewinnt. Nodirbek Yakubboev, der gegen Indien den entscheidenden Punkt holte, sieht das genauso. Nach einer Niederlage in diesem Wettkampf hätte die Mannschaft seiner Meinung nach gar nicht mehr um die Medaille gekämpft. Seine Partie verfolgten die Kollegen übrigens bei Lichess, und im Mannschaftschat wurde nach Abdusattorovs Worten geschrien.

Abdusattorov erinnert an Indien 2022 in Chennai. Die Gastgeber seien damals nah dran gewesen und in den entscheidenden Momenten nervös geworden. Genau darauf habe sich seine Mannschaft vorbereitet, mit viel gemeinsamer Zeit vor dem Turnier. Dass die Olympiade 2026 nach Usbekistan kommt, wussten die Spieler schon lange. Im Gespräch mit Shah nach dem Sieg von Chennai hatte Jakhongir Vakhidov gesagt, zu Hause warte noch ein Pokal auf sie.

Ein Kapitän aus dem eigenen Land

2022 hieß der Kapitän noch Ivan Sokolov, diesmal war es Rustam Kasimdzhanov. Yakubboev nennt ihn einen Helden, mit dessen Partien die ganze Mannschaft aufgewachsen ist. Es sei schön, einen eigenen Kapitän zu haben und keinen aus einem anderen Land, weil er die Spieler kenne und wisse, wie sie während der Partie denken und fühlen.

Ohne ihn würden einige von uns vielleicht gar nicht Schach spielen.Nodirbek Yakubboev über Rustam Kasimdzhanov · übersetzt nach ChessBase

Zum Schluss soll jeder ein Wort über seinen Nebenmann sagen. Madaminov nennt Sindarov einen „Anti-Motivator“, und der gibt zu, dass er ihn gern ein bisschen triezt, weil das die beste Motivation sei. Vokhidov ist für Yakubboev der stille Killer, der wenig redet und dem man glaubt, wenn er eine Variante vorschlägt. Die letzte Pointe gehört Abdusattorov. Er verabschiedet sich mit „Wir sehen uns in Genf!“ und schaut dabei Sindarov an, der dort in weniger als zwei Monaten gegen Gukesh um die Weltmeisterschaft spielt.

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