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Der Mann, der zu gut gekleidet war

Grigory Levenfish war Chemiker, Sprachenkenner und Tennisspieler und passte nicht in die neue Sowjetunion. 1933 geriet er wegen eines defekten Bahnsignals in Lebensgefahr. 1937 kämpfte er sich im Titelwettkampf gegen Botvinnik nach drei Niederlagen zurück, und auch das brachte ihm nichts ein.

21. Oktober 20264 Minuten LesezeitMatt am Donnerstag

Als Grigory Levenfish im Herbst 1937 zum Wettkampf gegen Mikhail Botvinnik anreiste, verlor er unterwegs seinen Pass. Ins Hotel ließ man ihn deshalb zunächst nicht hinein. Es war der passende Auftakt für einen Mann, der in der Sowjetunion nie ganz hineinpasste.

Levenfish wurde 1889 in Piotrków im damaligen Russischen Kaiserreich geboren und studierte in Sankt Petersburg Chemie. 1909 gewann er die Stadtmeisterschaft, 1911 spielte er beim Turnier in Karlsbad. Es blieb sein einziges Turnier im Ausland. Beruflich arbeitete er als Chemiker in der Glasindustrie, und er war ein Mann alter Schule: Er spielte Tennis, sprach Fremdsprachen, war immer tadellos gekleidet und trank gern Wein. Seine Art zu sprechen und sich zu geben, betonte nach Gennady Sosonkos Beobachtung nur den Unterschied zur neuen Generation sowjetischer Spieler.

Ein ungewöhnlicher Mensch, hochgebildet, der sich scharf vom grauen Hintergrund der Angepassten abhob.Gennady Sosonko, Schachautor · übersetzt nach Chess.com

Ein ausgefallenes Signal

1933 geriet Levenfish in Lebensgefahr. Ein Zug war verunglückt, weil ein Signal nicht funktioniert hatte. Als Schuldiger kam ein fehlerhaftes Glasteil in Betracht, und Levenfish war als Glasfachmann an dessen Herstellung beteiligt. Er wurde der Sabotage verdächtigt, soll noch am selben Tag festgenommen und stundenlang vom Geheimdienst NKWD verhört worden sein. Sam Kahn schreibt, er sei damals nur knapp der Hinrichtung entgangen. Entlastet haben ihn offenbar Unterlagen, die zeigten, dass er auf genau dieses Problem hingewiesen hatte; nach einer anderen Darstellung war es ein technischer Bericht über eine Änderung im Herstellungsverfahren.

Die Festnahme zeigte ihm, dass eine Laufbahn in einem staatlichen Betrieb mit seinem Temperament kaum vereinbar war. Mit 44 Jahren setzte er ganz auf das Schach. Im Herbst 1933 wurde er Dritter der sowjetischen Meisterschaft, 1934 teilte er sich den Titel mit Ilya Rabinovich, und 1937 gewann er die Meisterschaft in Tbilisi mit 12½ Punkten aus 19 Partien allein.

Ein Match mit Remis als Vorteil

Botvinnik hatte an der Meisterschaft 1937 nicht teilgenommen, er schrieb damals an seiner Doktorarbeit. Sein Fehlen soll einige seiner Förderer verärgert haben, und so forderte er Levenfish zu einem Wettkampf um den Titel heraus. Botvinnik musste gewinnen, dem Titelträger reichte ein Unentschieden. Levenfish bereitete sich zwei Monate lang in einem Erholungsheim im Ort Koktebel auf der Krim vor, gemeinsam mit dem jungen Meister Sergei Belavenets.

Die erste Partie verlor er nach eigenem Urteil „lethargisch“. Die zweite nannte er später eine der besten seiner Laufbahn: Er opferte eine Figur und gewann ein Endspiel, obwohl er die Qualität weniger hatte. Auch die dritte ging an ihn, nach einer Eröffnung, auf die sich Botvinnik offenbar gezielt vorbereitet hatte. Levenfish führte damit 2:1. Dann gewann Botvinnik die Partien 6 bis 8 nacheinander, und Levenfish lag 2:4 zurück. Er schrieb später, die Partien hätten ihm gezeigt, dass er mit Botvinnik mithalten könne, wenn er sich vom Schock der Niederlagen befreie. Die elfte Partie wurde unter einer Büste Stalins gespielt. Levenfish gewann sie wie schon die zehnte, und es stand 4:4.

Partie 12 ging in einem Englisch an Botvinnik, der damit 5:4 führte. In der 13. Partie genügte Levenfish mit Weiß ein Remis, und er gewann. Botvinnik wählte die Grünfeld-Verteidigung, und schon seit dem 32. Zug stand auf d6 ein weißer Freibauer. Vor dem 36. Zug stand Weiß nach Stockfish mit +2,7 auf Gewinn.

Weiß trieb den Bauern mit 36.Sc5 und 37.d7 weiter voran. Vor dem 37. Zug stand Weiß mit +3,6 auf Gewinn. Schwarz nahm mit 37...Lxd4 den Bauern und tauschte nach 38.Txd4 Dxc5 39.Dd5 die Damen. Nach 40.Txd5 haben beide Seiten einen Turm und fünf Bauern, doch die Engine sieht Weiß mit +5,2 auf Gewinn, weil der Bauer auf d7 den schwarzen Turm bindet. Überliefert ist die Partie bis 41.Kf1, sie endete mit einem Sieg von Levenfish.

Levenfish – Botvinnik, Wettkampf 1937, 13. PartieWeiß am Zug: 36.Sc5, nach 40.Txd5 steht Weiß mit +5,2 auf Gewinn

Mit je fünf Siegen und drei Remis endete der Wettkampf 6½:6½, und Levenfish blieb Meister.

Der Preis des Titels

Den Lohn bekam er nicht. Levenfish hoffte, dass ihm der Titel den Weg zum AVRO-Turnier 1938 in den Niederlanden öffnen würde, doch Botvinnik fuhr hin und er nicht. Das Sportministerium habe ihm die Ausreise verweigert, schreibt Kahn, weil es ihm misstraute und keinen Rivalen für Botvinnik wollte.

Meine Verfassung lässt sich als moralischer K.o. beschreiben.Grigory Levenfish, in seinen Erinnerungen · übersetzt nach Chess.com

Botvinnik nannte nach Andy Soltis nie wieder den Namen seines Gegners und ließ alle Partien des Wettkampfs aus seiner ersten Partiensammlung weg, um die Bedeutung des Ereignisses zu schmälern. Als Sosonko ihn Jahre später nach Levenfishs Entbehrungen fragte, antwortete er nur, dieser habe es in der Sowjetunion am Ende nicht so schlecht gehabt. Sam Kahn ordnet das ein: Der Wettkampf fiel in die Zeit der Säuberungen, und es hätte für Levenfish weit schlimmer enden können.

Levenfish blieb der einzige starke sowjetische Meister seiner Generation ohne staatliches Stipendium und lebte in großer Armut. 1950 gehörte er zu den ersten Großmeistern, die der Weltschachbund FIDE ernannte. Mit Vasily Smyslov veröffentlichte er 1957 ein Buch über Turmendspiele, dessen Arbeit nach Smyslovs eigener Aussage fast ganz von Levenfish stammte. Die Levenfish-Variante gegen den Drachen in der Sizilianischen Verteidigung trägt noch heute seinen Namen. Am 9. Februar 1961 starb er in Moskau. Boris Spassky hatte ihn wenige Tage zuvor getroffen und erinnerte sich an einen alten, bleichen Mann, der sich den Kopf hielt.

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