Der Mann aus der Fahrradfabrik
Albin Planinc stand vormittags in einer Fahrradfabrik und gewann 1969 trotzdem das Vidmar-Memorial vor zehn Großmeistern. Ein Sieg zählte für ihn nur, wenn er schön war, und diese Hochspannung hatte einen Preis. Nach nur zehn Jahren an der Spitze endete seine Laufbahn.
Während des Vidmar-Memorials 1969 in Ljubljana saßen die anderen Teilnehmer am Vormittag in ihren Hotelzimmern und bereiteten sich auf die Partie des Tages vor. Albin Planinc arbeitete zur selben Zeit seine Schicht in einer Fahrradfabrik. Er war 25 Jahre alt, die Gäste aus dem Ausland wussten nicht, wer er war, und im Feld stand er nur, weil ein anderer Spieler kurzfristig abgesagt hatte.
Am Ende hatte der Fabrikarbeiter das Turnier gewonnen, mit sieben Siegen, sieben Remis und einer Niederlage. Hinter ihm blieben zehn Großmeister, darunter Svetozar Gligorić, der ihm die einzige Niederlage beibrachte, und Wolfgang Unzicker. Den deutschen Großmeister schlug Planinc in der zehnten Runde mit Schwarz nach 51 Zügen. In Slowenien, damals Teil Jugoslawiens, war die Freude groß, dass ausgerechnet ein hochgewachsener, hagerer Arbeiter aus dem eigenen Land die Großmeister bezwungen hatte.
Hunger und ein Schachbrett
Geboren wurde Planinc im April 1944 in Briše, unter deutscher Besatzung. Sein Vater blieb unbekannt, die Familie war arm. Seine Mutter Ljudmila, genannt Milka, zog ihn allein auf und litt unter schweren psychischen Krisen. Während ihrer Klinikaufenthalte blieb der Junge zeitweise ganz allein, verängstigt und hungrig.
Sein Lehrer Janez Železnik brachte ihm als Kind die Schachregeln bei, und als die Mutter aus der Klinik zurückkehrte, schenkte sie ihm ein Schachspiel. Das Brett war der einzige Ort, an dem er sich wohlfühlte. Dass es Schachbücher gibt, wusste er lange nicht. Er brachte sich fast alles selbst bei, und als er mit etwa dreizehn Jahren endlich an Bücher kam, wurde er zum Bewunderer von Paul Morphy.
Früh zeigte sich, wie er dachte. 1961, mit 17 Jahren, griff er einen Gegner vernichtend an, musste die Damen tauschen und erreichte ein gewonnenes Endspiel, das er verlor. Später erklärte er, ihm sei der Wechsel von der Begeisterung über den strategisch zerschmetterten Gegner zur nüchternen Verwertung schwergefallen, zumal der andere aus seiner Sicht zehn Züge früher hätte aufgeben müssen. Im selben Jahr zeigte er einem Gegner, der eine aussichtslose Partie aufgegeben hatte, bei der Analyse eine Verteidigung. Der Gegner bat darum, weiterzuspielen, Planinc war einverstanden, und weil der Schiedsrichter die Aufgabe nicht bemerkt hatte, ging die Partie weiter. Planinc gewann sie trotzdem. Beim slowenischen Jugendturnier desselben Jahres fiel außerdem auf, dass er nach den Partien nicht mit den anderen loszog, sondern für sich blieb.
Vom Unbekannten zum Mitsieger von Amsterdam
Den Großmeistertitel erhielt er 1972, vor allem wegen seiner internationalen Ergebnisse, darunter einer Norm beim Turnier 1971 in Skopje. Seinen größten Erfolg feierte er 1973 beim IBM-Turnier in Amsterdam: Er teilte den ersten Platz mit dem früheren Weltmeister Tigran Petrosian, vor Boris Spassky, Lubomir Kavalek, László Szabó und anderen. Dort gewann er sieben Partien und verlor zwei, gegen Petrosian und Quinteros. 1974 spielte er bei der Olympiade in Nice am vierten Brett für Jugoslawien und holte neun Siege, fünf Remis und eine Niederlage. Die Mannschaft gewann Silber.
Sein Stil war unorthodox. Raymond Keene schrieb, Planinc spezialisiere sich auf scheinbar überholte Eröffnungen, in die sein fantasievolles Spiel neues Leben hauche. Er suchte Stellungen, die andere für zweifelhaft hielten, und fand dort Möglichkeiten, die sonst niemand sah. Risiko galt ihm mehr als Material, und eine Kombination spielte er nicht, weil sie korrekt war, sondern weil sie schön war. Wurde eine Partie zur Routine, spielte er schlechter.
Künstler mit einem Zug mehrGeorg Mohr über Planinc · übersetzt nach Chess.com
Wie das aussah, zeigt seine Partie gegen Dragoljub Minić beim Turnier in Rovinj und Zagreb 1975. Keene sah sie am Brett mit und konnte nach eigener Aussage kaum glauben, was er da erlebte. Im Spanier (Morphy-Verteidigung, Archangelsk-Variante) hatte Schwarz mit 9...Se4 und 10...d3 einen Bauern tief in das weiße Lager getrieben. Nach 11.Df3 De7 12.Sd2 rochierte Schwarz mit 12...O-O-O lang und ließ den Springer auf e4 stehen. Es folgten 13.Sxe4 Dxe5 14.Te1 f5 15.Dg3 De8. Schwarz hatte einen Springer gegen einen Bauern gegeben, dafür saß seine Dame im Zentrum und der Bauer auf d3 störte Weiß.
Auf 16.Sd6+ Lxd6 17.Txe8 Thxe8 griff Weiß mit 18.Lf4 den Läufer auf d6 an. Schwarz ließ ihn stehen und spielte 18...d2. Der Bauer drohte, auf d1 zur Dame zu werden, und band weiße Kräfte, die Stellung war damit annähernd ausgeglichen, Weiß hatte höchstens einen kleinen Vorteil. Nach 19.Tf1 Te1 20.Lxd6 Tde8 21.f3 Ld5 hatte Weiß zwar den Läufer gewonnen, aber der Turm auf e1, der zweite Turm auf der e-Linie und der Bauer auf d2 ließen ihm keine Ruhe.
Mit 22.Df4 Lc4 23.h4 Txf1+ 24.Kh2 Te2 hatte Weiß keine Verteidigung mehr, Schwarz stand auf Gewinn. Es folgten 25.Lxc7 Tff2 26.Dd6 Txg2+ 27.Kh3 Th2+, und der weiße König kam nicht mehr aus dem Netz heraus.
Nach 28.Kg3 Teg2+ 29.Kf4 Txh4+ wurde der weiße König über g3 und f4 bis nach f5 gejagt. Nach 30.Kxf5 Th6 gab Weiß auf.
Der Preis der Hochspannung
Nach Ansicht von David Martinez hatte dieser Stil einen hohen psychischen Preis, weil er über lange Zeit ein Höchstmaß an Anspannung verlangte. Planinc kämpfte jahrzehntelang mit schweren seelischen Problemen. Die Belastung des Turnierspiels trug zu seinem schlechten Zustand bei, und die Krankheit sprach auf die damaligen Medikamente nicht an. Ab 1975 landete er meist am Tabellenende, und er arbeitete danach als Schachtrainer.
Seine letzte große internationale Veranstaltung war 1979 das Turnier in Polanica Zdrój zum Gedenken an Akiba Rubinstein, dessen eigene Laufbahn ebenfalls durch eine psychische Erkrankung abgebrochen worden war. Planincs Karriere hatte nur etwa zehn Jahre gedauert. Der niederländische Meister Hans Ree beschrieb ihn in New in Chess als einen Spieler, der am gesellschaftlichen Leben der Turniere nicht teilnahm, mit leicht gebeugtem Gang und auf den Boden gerichtetem Blick.
der sprichwörtliche Schachgenius, eingesperrt in seiner eigenen Welt, ohne Neigung zu sozialen Kontakten und glänzend am BrettHans Ree über Planinc · übersetzt nach Standpoint
Martinez stellt Planinc neben Bobby Fischer und Mikhail Tal. Wie Fischer wuchs er bei einer alleinerziehenden Mutter auf, stieg steil auf, hörte früh auf und rang danach mit seelischen Problemen. Fischer habe sich damit begnügt zu gewinnen, am liebsten auf dem einfachsten Weg, Planinc dagegen habe seine Siege künstlerisch gebraucht und stehe damit Tal näher.
Seine letzten Jahre verbrachte Planinc in einer Einrichtung in Ljubljana. Er hatte sich lange um seine Mutter gekümmert und starb im Dezember 2008, wenige Monate nach ihr. Der slowenische Regisseur Jan Cvitkovič drehte über ihn den Dokumentarfilm „Totalni Gambit“. Georg Mohr, der mit Adrian Mikhalchishin die Biografie „Forgotten Genius“ schrieb, hat sich nach eigener Erinnerung jahrelang gefragt, ob man Planinc nicht mehr hätte helfen können, damit seine letzten Jahre erträglicher gewesen wären.
